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Während des Zweiten Weltkriegs spielte der Bahnhof Soltau in Niedersachsen eine Rolle bei der Deportation von Häftlingen in Konzentrationslager wie Bergen-Belsen. Am 11. April 1945, nachdem Transportzüge auf beschädigten Gleisen liegen geblieben waren, flohen Häftlinge in Richtung Soltau. Dort wurden viele von der Wehrmacht, der SS und der Hitlerjugend gejagt und getötet.
Während des Zweiten Weltkriegs diente der Bahnhof Soltau an der Heidebahn als Transit- und Eisenbahnknotenpunkt für Transporte zu Konzentrationslagern wie Bergen-Belsen und Neuengamme. Am Ende des Krieges herrschte Chaos. Durch Luftangriffe der Alliierten waren die Gleise bis April 1945 stark beschädigt, sodass Transportzüge, darunter auch solche mit Häftlingen auf dem Weg in Konzentrationslager, zum Stillstand kamen.
Am 11. April gelang es Häftlingen aus einem dieser gestrandeten Transporte in Richtung der Stadt Soltau zu fliehen. Einige Bewohnerinnen und Bewohner versuchten, ihnen mit Lebensmitteln und Kleidung zu helfen. Gleichzeitig organisierten Mitglieder der SS und der örtlichen Hitlerjugend eine Fahndung nach den entflohenen Häftlingen. Während der Fahndung wurden mehr als hundert Flüchtlinge in und um Soltau aufgespürt und getötet. Die meisten Morde fanden in Soltau selbst statt.
Ein Auszug aus dem Tagebuch von Abel J. Herzberg (1893 bis 1989), einem ehemaligen Anwalt aus Amsterdam und Überlebenden von Westerbork und Bergen-Belsen, gibt Einblick in diese Ereignisse. Er schrieb:
„Auch die beiden Leutnants und ihre jungen Helfer in der Region Sibirien waren erfolgreich. Hinter dem Hitlerjugendhaus, in der Nähe der Reitschule, wurde eine ganze Gruppe von ‚Gestreiften’ gefangen genommen. Einige wurden von verängstigten oder wohlmeinenden Bürgern festgenommen, andere wurden von fanatischen Kameraden gefunden. Die Pimpfe und Hitlerjugend führten die erschöpften Männer in ihrer ‚kriminellen Kleidung’ stolz vom Bahnhof und anderen Orten zum Sammelpunkt. Als Gruppe wurden sie durch die Stadt gefahren, um ihre „Strafe” vom Kampfkommandanten in der Reitschule zu erhalten. Dann ging es zurück zum Jugendhaus. Als Grab wurde eine Kiesgrube ausgewählt. Eine wütende Mutter aus dem benachbarten Sibirienwald, die ihre zuschauenden Kinder aus Angst ins Haus zieht, beschimpft die beiden jungen Männer in Leutnantsuniformen, die die Aktion leiten. Die Männer sind aufmerksam und begeben sich tiefer in den Wald, um ihre Morde zu begehen.”
Selbst in diesen chaotischen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hielt sich der ideologische Einfluss des Nazi-Regimes hartnäckig. Mitglieder der Hitlerjugend wurden von klein auf dazu erzogen, zu gehorchen, dem Führer treu zu bleiben und dem Regime Loyalität zu zeigen. Am Bahnhof und an der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Zeit in Soltau wird über die tragischen Ereignisse vom April 1945 und die Rolle nachgedacht, die Bildung und Gruppenzwang in einer totalitären Gesellschaft spielen können. Was bedeutet Solidarität in Krisenzeiten? Und wie erkennt man die Grenze zwischen Loyalität und Mittäterschaft? Die Gedenkstätte, nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, lädt zum Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart ein.